Vollkornbrot und der Blutzuckerverlauf

Ist das wirklich so, dass Vollkornbrot sich auf den Blutzuckerverlauf günstiger auswirkt als Weißbrot?
Es wird im Allgemeinen empfohlen Vollkornprodukte statt Weißmehlprodukte zu verzehren, weil sie langsamer verstoffwechselt werden und die darauffolgende Blutzuckerreaktion geringer ausfallen soll. Neben der Wirkung auf den Blutzuckerverlauf sagt man dem vollen Korn auch noch weitere positive Eigenschaften nach. So zum Beispiel den höheren Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen sowie einen hohen Anteil an Ballaststoffen.

Das interessierte mich hier aber nur am Rande. Heute geht es ausschließlich um die Frage des Einflusses auf den Blutzuckerspiegel, weil ich damit regelmäßig zu kämpfen habe wenn ich Kohlenhydrate zu mir nehme.

Im Alltag versuche ich Kohlenhydrate weitgehend zu meiden. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen in Bezug auf mein Blutzuckermanagement und auch in Bezug auf meine Gewichtskontrolle gemacht. In der Praxis sieht das dann so aus, dass ich in einer Woche mit 5 normalen Arbeitstagen so gut wie keine Kohlenhydrate in der Nahrung habe, die ich unter der Woche zu mir nehme. Am Wochenende aber schon die eine oder andere Mahlzeit so einnehme wie der Rest der Familie sie auch isst.

Vollkornbrot-mit-Frischkäse

Vollkornbrot-mit-Frischkäse

Eine ganze Weile haben wir unter anderem auch gerne auf Vollkornnudeln zurückgegriffen. Wir hatten sogar welche gefunden, die uns allen gut geschmeckt haben aber eben doch anders als Hartweizengriespasta. Ich habe mir trotzdem immer wieder die Frage gestellt, ob das tatsächlich den postprandialen Blutzuckerverlauf signifikant beeinflusst. Sehr oft hatte ich den Eindruck, dass es absolut schnuppe  ist, ob ich nun Hartweizengries-Spaghetti oder Vollkornspaghetti esse.

Deshalb habe ich mir gedacht, ich mache mal eine Testreihe in der ich Produkte aus Weißmehl und Vollkornmehl vergleiche.

Vergleichen wir den Blutzuckerverlauf nach dem Verzehr von Weiß- und Vollkornbrot

Zunächst wollte ich nur den generellen Unterschied zwischen Weißbrot und Vollkornbrot herausfinden.
Dazu habe ich 2 klassische Vertreter beider Produktklassen genommen :
– Weizenbrötchen aus fein vermahlenem Weißmehl
– dunkles Vollkornbrot auf Sauerteigbasis aus geschrotetem bzw. grob vermahlenem Vollkornmehl

Die Mengen habe ich bei beiden Broten basierend auf den Angaben der Hersteller so bemessen, dass ich die gleiche Anzahl KE verzehrte. In diesem Fall waren es genau 3,5 KE.
Die Insulinierung erfolgte nach meinen persönlichen Faktoren mit einem Drück-Ess-Abstand von 15 Minuten.

Obwohl ich darauf geachtet habe, dass die beiden Messungen unter annähernd gleichen Bedingungen ablaufen, ist das Ganze natürlich nicht repräsentativ und lediglich eine Momentaufnahme, die mit Sicherheit auch in erheblichen Maße von meiner persönlichen Disposition beeinflusst ist. Trotzdem ist es interessant zu sehen, was dabei herausgekommen ist.

Dank meines kontinuierlichen Glukosemessgerätes  konnte ich folgende Blutzuckerverläufe aufzeichnen :

Vergleich des Blutzuckerverlaufs nach Verzehr von Weiß- und Vollkornbrot

Blutzuckerverlauf nach dem Verzehr von jeweils 35g Kohlenhydraten aus Weiß- und Vollkornbrot. Der grüne Bereich ist mein Zielbereich von 80-130mg/dl.

Das Weißbrötchen hat den Blutzucker bis auf einen Peak von 225mg/dl angehoben, das Vollkornbrot lediglich auf 182mg/dl.
Interessant finde ich, dass beide Varianten sich gleich schnell in der CGM Kurve abbilden. Der Anstieg beginnt etwa 30 Minuten nach Beginn der Mahlzeit. Ebenso ist die Steigrate zu Beginn identisch, was ich eigentlich nicht erwartet hätte. Sogar die Sinkrate nach dem Peak ist abgesehen von der kleinen „Delle“ beim Vollkornbrot nahezu identisch.

Wenn man die Kurven betrachtet, scheint es so zu sein, dass meine nachmittägliche Basalrate zu hoch ist. Ist sie aber nicht, wie ich in mehrfachen Basalratentests ausgetestet habe.
Auffällig finde ich in dem Zusammenhang auch, dass mein Insulin – Apidra -, das ja als das derzeit schnellste Insulin gilt, nicht nur 3-4 Stunden wirkt sondern offensichtlich sogar 6 Stunden.

Ist der Blutzuckerverlauf bei Vollkorn wirklich besser ?

Beim Vergleich der beiden Kurven, könnte man doch davon ausgehen, dass die Vollkornvariante einen signifikanten Vorteil hat. Aber eigentlich sollte doch bei gleicher KH-Menge und bei gleicher Insulinierung am Ende der gleiche Blutzuckerwert resultieren.
Schiebt man die beiden Kurven nun so ineinander, dass die postprandialen Tiefpunkte auf gleicher Höhe liegen, sind die beiden Kurven nach dem Höhepunkt fast deckungsgleich, von der kleinen Delle am höchsten Punkt einmal abgesehen. Der Unterschied, den diese Delle macht ist aber gar nicht so groß. Der beträgt dann ungefähre 20mg/dl.

Ist sind nun 2 Schlussfolgerungen möglich. Entweder die KH-Angaben der Brothersteller sind nicht korrekt und die Insulindosierung war aufgrund dessen beim Vollkornmehl überdosiert – sofern man den Endwert bei Weißmehl mal als korrekt annimmt, oder aber das Vollkornmehl enthält einen KH-Anteil, der nicht blutzuckerrelevant ist.

Wie auch immer, wenn man die Schlussfolgerungen entsprechend korrigierend berücksichtigen würde, sprich die Insulindosierung entsprechend anpassen würde, wäre die Folge für die Praxis, dass man bei beiden Varianten nahezu gleiche Blutzuckerverläufe erhalten würde. Mit einem minimalen Vorteil für die Vollkornvariante was den Spitzenwert betrifft.
Die Vollkornvariante bietet dazu noch den kleinen Vorteil entweder etwas weniger Insulin zu benötigen bzw. ein klein wenig größere Portionen zu erlauben.

Mit persönlich gefallen die beiden Verläufe noch nicht besonders gut. Für meinen Geschmack fallen die Kurven zu langsam in den Zielbereich zurück. Das Ganze kann ich zwar durch eine Verlängerung des Spritz-Ess-Abstandes positiv beeinflussen, wie ich bereits in früheren Vergleichen  gezeigt habe.

Bolus ist nicht gleich Bolus (1)
Bolus ist nicht gleich Bolus (2)
Bolus ist nicht gleich Bolus (3)


Die Strategie mit einem längeren SEA ist aber die mir persönlich lästigste Methode und auch nicht immer einfach anzuwenden, insbesondere wenn man nicht selbst in der Hand hat, wann das Essen auf dem Tisch steht.

Mit diesen Verläufen bin ich auch noch ein Stück weit entfernt von den offiziellen Therapieempfehlungen, die kürzlich auch im Diabetes Journal abgedruckt waren. Demnach sollten Blutzuckerwerte grundsätzlich nicht über 150-160mg/dl liegen, je nach Therapieziel können auch Werte von 180-200mg/dl akzeptiert werden. Mit Kohlenhydraten in der Nahrung bleibt bei mir diesbezüglich der Wunsch der Vater des Gedanken.
Deshalb greife ich gerne auf Low Carb Mahlzeiten zurück, da das Erreichen meiner persönlichen Therapieziele damit wesentlich vereinfacht wird.

Wie sieht das im Vergleich zu Low Carb aus?

Weil ich es immer wieder interessant finde, habe ich in die gleiche Grafik auch noch den Verlauf nach einer Low Carb Mahlzeit eingefügt. Diese Mahlzeit bestand aus einer Thunfischcreme mit Mayonaise und Zwiebeln. Veranschlagt habe ich dafür 3 FPE und statt eines Spritz-Ess-Abstandes habe ich 50% des Bolus direkt und 50% auf 2h verzögert abgegeben.

Vergleich des Blutzuckerverlaufs nach Verzehr von Weiß- und Vollkornbrot

Blutzuckerverlauf nach dem Verzehr von jeweils 35g Kohlenhydraten aus Weiß- und Vollkornbrot sowie einer Low Carb Mahlzeit. Der grüne Bereich ist mein Zielbereich von 80-130mg/dl.

Die sieht doch echt nett aus, die orangene Kurve. Schöner Nebeneffekt, die fett- und eiweißhaltige Mahlzeit hält durch die langsame Verstoffwechslung lange satt und geht nur mit etwa einem Viertel meines Energiebedarfs in die Tagesbilanz ein.

Fortsetzung folgt demnächst. Dann wird es um den Vergleich von Hartweizengries- und Vollkornspaghetti gehen und um die Frage, welchen Einfluss der Grad der Vermahlung auf den Blutzuckerverlauf hat . Später vielleicht auch noch um eine  Betrachtung resistenter Stärke.

Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht oder sieht das bei euch vollkommen anders aus ?

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