Bolus ist nicht gleich Bolus (3)

Heute gibt’s noch eine kleine Ergänzung meiner Vergleichsreihe.

In den letzten beiden Posts „Bolus ist nicht gleich Bolus“ und „Bolus ist nicht gleich Bolus (2)“ habe ich gezeigt, dass eine Kombination aus Spritz-Ess-Abstand und gesplittetem Bolus unter Umständen einen günstigen Einfluss auf den Blutzuckerverlauf haben kann. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, meine eigenen Versuche diesbezüglich waren aber bisher nicht von besonderem Erfolg gekrönt, weil ich entweder nur einen SEA oder nur einen gesplitteten Bolus angewendet habe. Da mein Blutzucker aber nach Einnahme von Kohlenhydraten immer abgeht „wie Schmitz Katze“ und deutlich höher schießt und auch deutlich länger zu hoch bleibt als allgemein empfohlen wird, war ich auf der Suche nach einer adäquaten Lösung.

Dabei hat sich aber auch gezeigt, dass man den Bogen sehr schnell überspannen kann. Man begibt sich damit ganz schnell auf äußerst dünnes Eis wenn ein paar ungünstige Umstände aufeinander treffen. Damit der SEA den späteren BZ Verlauf in der Höhe einbremst, muss er lang genug sein. Je nach Ausgangshöhe des BZ zum Spritzzeitpunkt und je nach aktuellem BZ Trend kann es dann leicht passieren, dass der Blutzucker abstürzt, bevor die Mahlzeit anfängt zu wirken. Sehen kann man das sehr deutlich in der zweiten Abbildung weiter unten (orangefarbene Kurve).

Um genau das zu verhindern, habe ich ganz einfach mal einen kleinen Teil (hier etwa 1/5) meiner Mahlzeit zum Spritzzeitpunkt eingenommen und den Hauptanteil dann nach Ablauf des SEA.
Ich weiß, dass das nicht immer so einfach zu praktizieren ist. Aber es sollte ja auch erst einmal nur ein Versuch sein. Am Ende wäre es aber auch vorstellbar, dass man statt eine kleinen Teils der Mahlzeit auch etwas Traubenzucker oder ein paar Gummibärchen oder was auch immer einnimmt.

Bei den folgenden Abbildungen ist ein Quadrat wieder 50mg/dl auf der vertikalen und 1 Stunde auf der horizontalen Achse. Der grüne Bereich kennzeichnet meinen Zielbereich von 80-130mg/dl.

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Grün : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus
Blau : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus, 1/5 der BE zum Spritzzeitpunkt eingenommen.

An der blauen Kurve kann man sehr schön sehen, dass bereits eine kleine Menge Kohlenhydrate zum Spritzzeitpunkt einen Sicherheitspuffer schafft ohne den späteren Verlauf der Blutzuckerkurve wesentlich zu verschlechtern. Ich glaube ich hätte die KH Menge zum Start ganz sicher noch verringern können, ohne Gefahr zu laufen dass die Pufferwirkung zu gering ist.
Die positive Wirkung der „Puffer KH“ zum Spritzzeitpunkt kann man nochmal sehr schön in der folgenden Abbildung sehen, wo die mögliche kritische Wirkung der „Split-SEA-Strategie“ nochmal mit dargestellt ist.

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Orange : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus
Grün : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus
Blau : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus, 1/5 der BE zum Spritzzeitpunkt eingenommen

Die orangene und die grüne Kurve sind durch die gleiche Spritzstrategie entstanden, bei offensichtlich unterschiedlicher Ausgangslage. Mit der „blauen“ Strategie hat man einen Sicherheitspuffer eingebaut.

Zum Schluss noch der Vergleich der beiden Extreme. Meinen Bolusfaktor zum Mittag habe ich übrigens inzwischen angepasst, damit es am Nachmittag nicht so tief runter geht.
Auffällig die recht lange Wirkdauer meines Apidra. Die Basalrate ist natürlich ausgetestet und korrekt.

NeuRotDo14-gelbDo21
Rot : kein SEA, ungeteilter Bolus
Gelb : 45min SEA, 3fach geteilter Bolus, 1/5 der BE zum Spritzzeitpunkt eingenommen

Zur Sicherheit betone ich nochmal, dass alles in diesem Post dargestellte auf meinen persönlichen Erfahrungen beruht und nicht zwangsläufig Allgemeingültigkeit hat. Bevor ihr so etwas ausprobieren möchtet, solltet ihr das im optimalen Falle einmal mit eurem Diabetologen besprechen, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht.

2 Kommentare

  1. Super gut geschrieben und echt informativ!! Da nehm ich gleich einiges mit!
    Als ich 1999 zur Ersteinstellung im Krankenhaus war, hatte ich generell einen SEA von 30 Minuten. Als ich dann ein paar Jahre später den Pen bekam und mir gesagt wurde, ich bräuchte den nicht mehr, war ich soooo glücklich und habe ab sofort an nie wieder über einen SEA nachgedacht.
    Erst als ich letztes Jahr zur Pumpeneinstellung mal wieder im Krankenhaus war, wurde mir gesagt, dass man das heute manchmal wieder macht. Und ja, ist ja auch logisch. Ich habe jahrelang meine Hohen Werte nach dem Frühstück einfach hingenommen.
    Jetzt habe ich morgens auch wieder einen SEA und es passt. Manchmal ist die Lösung so einfach, aber da habe ich irgendwie nie dran gedacht.
    Das mit dem verzögerten Bolus ist für mich noch relativ neu, als Penner hatte ich davon noch nicht viel gehör. Aber ich liebe diese neue Möglichkeit und probier grad auch viel aus. Außer bei Milchreis und Nudeln klappt es meist auch super 😀

  2. Hi Lisa,

    mit Einführung der Analoginsuline ist der SEA irgendwie außer Mode gekommen bzw. haben die Marketingsstrategen der Insulinhersteller versucht die Leute glauben zu lassen, dass mit den neuen Insulinen kein SEA mehr notwendig sei. Die Erfahrung zeigt aber, dass es trotzdem nützlich sein kann.
    Obwohl ich gestehen muss, dass ich einen SEA ziemlich doof finde und ihn auch nicht immer anwende.
    Ich nutze das nur in denen Situationen, in denen ich absolut in der Hand habe, wann das Essen für mich verfügbar ist.
    Das Aufteilen des Bolus auf mehrere Spritzstellen ist da schon einfacher, erfordert aber die Mitnahme eines Pens, wo ich sonst nur meine Pumpe dabei habe.

    Den verzögerten Bolus, der mit Pumpen gegeben werden kann, ist auch eine tolle Sache, würde ich bei Nudeln und Milchreis aber nicht machen, da die viel zu schnell verstoffwechselt werden. Hier ist auch ein SEA angesagt.
    Den verzögerten Bolus setze ich gerne bei fetten Speisen oder bei Low bzw. No Carb Gerichten ein.

    Man hat schon eine Menge Möglichkeiten, man muss sie nur nutzen. Das erfordert aber auch immer, dass man seine Motivation aufrecht erhält und du weißt ja auch wie schwer das manchmal ist.
    Leider ist das Ganze auch nicht in Stein gehauen und unterliegt einer steten Veränderung so dass man eigentlich immer wieder experimentieren muss damit es passt.

    Wünsche dir ein schönes Wochenende
    LG Stefan

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